Dienstag, 13. Januar 2015

Taschenschnitte selbst erstellen...trau Dich!

Einen einfachen Taschenschnitt selbst zu machen ist auch für Näherinnen mit wenig Erfahrung keine große Herausforderung.  Das möchte ich euch anhand von ein paar Din A 4 Blättern (Druckerpapier) zeigen.
Im Netz kursieren unzählige E-Books und Free- Books für Taschen, jede dieser Autorinnen erhebt mit Recht den Anspruch darauf, dass es sich um ihr geistiges Eigentum handelt. Wer eine Tasche nach einem E-Book fertigt, sollte die Quelle auch nennen.
                                     
Es gibt jedoch so etwas wie Grundschnitte, wo niemand sagen kann, das ist seine Idee und die wäre geklaut.  Eine Hose hat nun mal zwei Beine und Mützen gehören auf den Kopf. So wie eine Tasche dazu bestimmt ist je nach Größe , eine gewisse Menge an Habseligkeiten zu transportieren.
                                           
Als ich Fotos meiner nach selbst gezeichnetem Schnittmuster genähten Tasche in einer sehr kleinen Gruppe( 15 Mitglieder) gezeigt habe wurde gleich die Ähnlichkeit zu einem Schnittmuster von XY erwähnt .Das liegt leider in der Natur der Sache, eine Tasche ist eben so. Ich habe das Rad nicht neu erfunden und bei unzähligen, teilweise wunderschönen Taschenschnitten die es gibt, ist eine neue Idee wie die Nadel im Heuhaufen, denn irgendwie ist alles schon einmal da gewesen. Und bei  "meiner" Tasche handelt es sich um einen einfachen Grundschnitt mit unzähligen Variationsmöglichkeiten. Ich erhebe NICHT den Anspruch es wäre meine Idee. So nähe ich Taschen und die Schnittmuster dazu mache ich mir je nach Bedarf und benötigter Größe selbst.

Ihr benötigt:
Druckerpapier, einen Bleistift, Lineal und Geodreieck, Klebestreifen, evtl. einen Zirkel ist aber kein Muss, eine Papierschere und ein kleines bisschen Zeit. ( Kaum mehr, als ein fertiges Schnittmuster aus einem E-Book auszuschneiden)
                                               


Los geht`s :
Ihr nehmt das erste Blatt hochkant und zeichnet an einer der unteren Ecken ein Quadrat von
 4,5 x 4,5 cm. Das wird später eure Tiefe. Wer die Tasche geräumiger haben möchte, der nimmt etwas mehr, darf aber nicht vergessen, dann auch die Höhe anzupassen, denn je breiter ihr den  Boden macht, desto kürzer wird die Tasche in der Höhe, schmaler wird sie dadurch auch, also wenn ihr den Boden sehr breit macht, beispielsweise ein 10 X 10 Quadrat an der Ecke einzeichnet, dann solltet Ihr oben und an der Seite des Stoffruchs einen entsprechenden Streifen ansetzten. Diese Ecke schneidet ihr ab. Um eine ausreichende Höhe zu erhalten nehmt ihr ein zweites Blatt und schneidet  an der kurzen Seite einen Streifen von 7 cm ab.
Diesen Streifen setzt ihr oben an dem ersten Teil auf Stoß an und klebt ihn mit Klebestreifen fest. Fertig ist das Hauptteil der Tasche. Auch hier sind die 7 cm nur ein  Beispiel. Wer es lieber höher mag, oder den Boden breiter gemacht hat, ändert hier einfach die Breite des Streifens. Diesen Teil solltet ihr beschriften, die lange Seite ist der Stoffbruch und Fadenlauf, wer nicht gerne im Stoffbruch zuschneidet, der macht sich dieses Schnittteil noch einmal und klebt beide Teile an den Stoffbrüchen  zusammen.
      
                

Im Grunde ist dieser eine Teil schon für eine einfache, voll funktionsfähige Tasche ( Wendetasche) zu verwenden. Dazu nur Träger oder Gurtband ergänzen.  Wo bitte ist da der Ideenklau? Kostenlose Nähanleitungen dazu gibt es im Netz, bei Interesse einfach mal  nach "Wendetasche kostenlos" suchen. Dieser Grundschnitt ist übrigens auch für Kosmetiktäschchen, Handytaschen, Utensilos, uvm. zu verwenden.

Weiter geht es mit den noch fehlen Teilen für die Tasche wie ich sie gerne nähe. Da ich es optisch mag wenn die Träger nicht einfach oben eingesetzt sondern zwischen gefasst werden, benötigen wir  von dem Blatt an dem wir die 7 cm abgeschnitten haben noch einmal  einen Streifen von 8,5 cm von der kurzen Seite. Dieser Streifen wird auch im Stoffbruch zugeschnitten, sonst 2 Streifen zusammen kleben! Die 8,5 cm sind nur wieder ein Richtwert für den ich mich entschieden habe, weil ich beim zuschneiden des Außenstoffes vom Hauptteil einfach den 7 cm Streifen, den wir angesetzt haben umklappe. Somit ist das für mich die Höhe an der die Träger angesetzt werden. Damit ich wieder auf die gleiche Höhe komme wie bei den Futterteilen, benötige ich mit Nahtzugabe einen Streifen von 8,5 cm. Die Nahtzugabe ist bei mir Füßchen breit. In der Regel entspricht das 0,75 cm.
Das klingt jetzt vielleicht kompliziert, ist es aber nicht. Eine Nähanfängerin sollte beim ersten Mal die hier angegebenen Maße übernehmen. Fragen klären sich dann meist während des nähens von selbst.

Auch mit diesen beiden Schnitteilen lassen sich schon schöne individuelle Taschen nähen. Die zwischengefassten Träger sind ein kleiner Blickfang . Wenn man mit verschiedenen Stoffen arbeitet können schon ganz tolle Modelle entstehen. Anfänger sollten mal versuchen die Träger trotzdem oben anzusetzen und den Streifen nutzen um verschiedene Stoffe in Szene zu setzen und vielleicht mit einer Paspel oder Litze die Unterbrechung hervorzuheben. Auch hier kann meiner Meinung nach nicht die Rede von Ideenklau sein, denn meine Oma hat ihre Einkaufstaschen schon auf diese Weise genäht und Stoffreste verarbeitet.  Es ist kein designerisches Können notwendig um ein Schnittteil in zwei  Teile zu zerlegen. Wer also glaubt diesen "Geistesblitz" als erstes gehabt zu haben und es als seine Idee beansprucht, kann sich gerne wie Rumpelstilzchen aufführen. Übrigens ist das Teilen von Schnittmustern Stoff aus dem ersten Lehrjahr einer Schneiderausbildung.

Bei  "meinen" Taschen verwende ich gerne Eck-Patches, es sieht gut aus und schont die Ecken wenn man sie aus stabilen Materialien wie Leder, Filz , Jeans oder Segeltuch macht.  Beim Aufzeichnen verwende ich die" Viertelkreis" Technik, denn dabei muss nicht darauf geachtet werden,  wie rum man das Schnittteil legt, es ist immer gleich. Natürlich muss beim Zuschneiden darauf geachtet werden wie der Fadenlauf verläuft und das die Ecken für rechts und links zugeschnitten werden. Dazu nehmt ihr euch ein weiteres Blatt und einen Zirkel.  Wer keinen hat schaut mal in der Küche nach einer großen Salatschale oder einem Platzteller, möglichst mit einem Durchmesser von 30 cm . Man markiert sich von einer Ecke des Blattes je 15 cm in beide Richtungen und zeichnet nun mit dem Zirkel oder mithilfe der Schüssel, oder was ihr sonst in der Küche aufgetrieben habt einen Viertelkreis.  Jetzt nur noch die Ecke für den Boden anzeichnen, indem  ihr wieder 4,5 X 4,5 cm in der Ecke des Blattes ausmesst und das ganze ausschneidet. Fertig ist ein schöner Eck-Patch.  Auf diese Weise könnt ihr euch Patches in unterschiedlichen Größen  für jede Tasche oder Täschchen leicht selbst machen.  Es muss ja nicht immer ein Viertelkreis sein, auch eckig sind diese Patches ein toller Eyecatcher und schützen feinere Stoffe vor dem Durchscheuern. Lasst eure Fantasie spielen und habt Mut etwas auszuprobieren.
   

                               



Eckpatches sind auch nichts neues, schon im Wilden Westen wurden Kofferecken damit verstärkt!




Außentaschen sind praktisch und  immer eine schöne Möglichkeit Stoffreste zu verarbeiten oder einen ganz besonderen Stoff zu präsentieren. Dafür ein Schnittmuster zu erstellen ist eine Sache von einer Minute. Eine einfache rechteckige oder quadratische Tasche möchte ich hier nicht zur Sprache bringen, ich setze voraus, das jeder der sich zutraut ein eigenes Taschenschnittmuster zu zeichnen weiß wie das funktioniert. Diese einfachen Taschen sind auch prima innen anzubringen um Handys oder Schlüssel separat zu verstauen, damit man nicht lange danach wühlen muss. Wie leicht man sich eine abgerundete Tasche zeichnen kann möchte ich trotzdem kurz erklären. Nehmt euch ein neues Blatt und faltet es so, dass ein Quadrat entsteht, den überstehenden Streifen einfach abschneiden. Jetzt habt ihr ein Quadrat von 21 X 21 cm. Dieses Quadrat faltet ihr einmal in der Mitte zusammen, so dass ein Rechteck entsteht. An einer der offenen Ecken legt ihr euch einen Deckel, Teller oder sonst etwas rundes an und zeichnet die Rundung nach. Jetzt nur noch entlang der gezeichneten Rundung abschneiden und ihr habt eine schöne gleichmäßige abgerundete Schablone für eine Außentasche. Das lässt sich auch wieder abwandeln, indem ihr einfach anstatt der Rundung die Ecke diagonal abschneidet schon habt ihr eine eckige Taschen Schablone, zusammen mit den eckigen Patches sieht das total klasse aus.

 Zuletzt möchte ich noch verschiede Verschlussmöglichkeiten zur Sprache bringen.  Das Sicherste ist natürlich ein Reißverschluss, schützt vor Langfingern, davor das etwas aus der Tasche herausfällt und auch davor, dass es in die Tasche hineinregnet. Dafür ist aber einige Näherfahrung notwendig. Klappen sind auch prima und erfüllen den gleichen Zweck wie ein Reißverschluss, man ist allerdings bei der Anbringung der Träger sehr eingeschränkt. Bei einem Shopper bietet es sich an einfach einen Druckknopf anzubringen. Mir persönlich gefällt es besser einen Riegel als Verschluss zu verwenden. Ein solcher Riegel sollte in der Breite zwischen die Träger passen und lang genug sein um mit einem Druckknopf oder Klettverschluss  verschlossen zu werden. Ich habe ein Maß von 14 X 24 cm verwendet und ihn wie bei der Außentasche beschrieben abgerundet, auch hier ist eine eckige Form sehr schön und sollte, wenn man sich für die eckigen Patches und Außentasche entschieden hat auch bei dem Riegel angewendet werden.


















          
Zum Schluß möchte ich noch daran erinnern, dass auch wenn es grade "IN" ist zu nähen, dieses Handwerk schon seit Jahrhunderten existiert. Viele kreative Menschen haben ihre Ideen und Techniken an die nächste Generation weiter gegeben oder zu Papier gebracht. Es gibt unendlich viele Möglichkeiten eine Tasche, Hose usw. zu nähen. Sicherlich hat sich im Laufe der Jahrhunderte vieles geändert, ist hinzugekommen, oder leider vergessen worden. Bevor jemand einen Anderen bezichtigt seine Idee geklaut, oder etwas nachgemacht zu haben, sollte er einmal in sich gehen und überlegen, ob die andere Person nicht evtl. eine ganz ähnliche Idee gehabt haben könnte, oder aber die Ähnlichkeit einfach daher rührt, das eine Hose nun mal zwei Beine hat und der Popo hinten ist. Wenn man so große Angst hat, das sein geistiges Eigentum entwendet  wird, sollte man keine Fotos von seinen Werken im Internet veröffentlichen, sondern ganz still und heimlich in seinem Kämmerlein vor sich hin nähen und seine Schätze dort hüten. Veröffentlichte Fotos können anderen immer als Inspiration dienen. Für mich ist  es ein schönes Kompliment, wenn mein Beispiel anderen so gut gefällt, das sie es so ähnlich nacharbeiten. In diesem Sinne.....viel Spaß beim Nachnähen.

Einen ganz besonderen Dank möchte ich an Friederike aussprechen, denn ohne ihre tatkräftige Unterstützung wäre dieser Beitrag nicht so schnell fertig geworden. Sie hat bereits ein wunderschönes Beispiel genäht, welches sie Euch bestimmt gerne zeigt.

Liebe Grüße
Mimzy`s Nähklimbim

Kommentare:

marion (SiMa) hat gesagt…

vielen dank für die ausführliche erläuterung und die tollen bilder dazu. genau so bastle ich mir manchmal aus 3 verschiedenen schnitten genau das zusammen, was ich haben möchte !

ganz toll - superklasse !

viele herzliche grüße
marion

Mel B. hat gesagt…

Das ist ein ganz toller Post, der mir aus dem Herzen spricht!!!
Deine Tasche ist wunderschön und die Anleitung super erklärt!!!
Liebe Grüsse,
Mel

Katherina {stitchydoo} hat gesagt…

Die Tasche sieht richtig klasse aus und das hast du toll geschrieben und erklärt. Ich habe es heute Abend schon einmal an andere Stelle als Kommentar geschrieben: Wenn man den Aufbau eines Schnittes versteht und mit den Nähschritten vertraut ist (und das kommt mit dem Nähen irgendwann automatisch), dann stehen einem viele Möglichkeiten offen und gerade das finde ich sehr spannend und empfinde es als abolute Bereicherung. Nach fertigen Schnitten nähen, kleine Anpassungen an die eigenen Bedürfnisse vornehmen oder auch mal komplett sein eigenes Süppchen kochen... ist doch toll, wenn man für sich aus all den Möglichkeiten schöpfen kann.

Liebe Grüße
Katherina

Frau Kichererbse hat gesagt…

herzlichen Dank Du liebe.
LG Marion

creat.ING[dh] hat gesagt…

sehr toll und ausführlich erklärt. Und auch mit dem letzten Absatz sprichst du genau das aus, was ich mir denke.
Deine Tasche sieht total klasse aus und ich schau gleich mal nach was Friederike tolles genäht hat.
lg dodo

Tina Rosano hat gesagt…

Hallo Silke,

genau so ist es, Du hast das super beschrieben und toll erklärt.

LG
Tina

Bärbel hat gesagt…

Toll erklärt und genau ist es. Manchmal bastelt man sich einfach die EIGENE Tasche aus verschiedenen Ideen zusammen. Doch weiß man, ob ein anderer auch die gleichen Wünsche und Zusammenstellungen gerade als Idee hat?
Habe mich gleich mal als Leserin eingetragen. Super!
LG Bärbel

Claudia Gerrits hat gesagt…

So sieht es aus ;-) Danke für die Anleitung!! Deine Tasche sieht sehr schön aus!
Ganz liebe Grüße, Claudi